Aktuelles

SCHWARZE RISSE EMPFIELT 2019 :

Unsere Empfehlungen 2019!

Wie jedes Jahr wirds auch 1e Printausgabe geben!

Kommt vorbei, schaut rein und nehmt sie mit!

Hier der link :  risse_2019_web

Aufstand in Hongkong – Bericht zu den aktuellen Kämpfen am 6.12.2019

 

Ein Augenzeugenbericht (mit Videos und Fotos) von Ralf Ruckus

Am 18. November 2019 kam es in Hongkong zu stundenlangen Straßenschlachten zwischen der Polizei und mehreren Tausend Protestierenden. Unmittelbarer Auslöser war die Umzingelung der besetzten Polytechnischen Universität durch die Polizei seit dem Vortag und das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Protestbewegung. In der Woche davor war der Berufsverkehr tagelang blockiert oder behindert worden, in der Innenstadt demonstrierten täglich Tausende Büroangestellte und besetzten Straßenkreuzungen, Universitäten wurden besetzt und in mehreren Vorstädten kam es zu Ausschreitungen. Dies ist der letzte Höhepunkt einer Aufstandsbewegung, die vor sechs Monaten entstand. Sie richtet sich gegen den zunehmenden Einfluss des rechten, autoritären Regimes der Kommunistischen Partei Chinas in der Stadt sowie die örtliche Regierung und Polizei und fordert eine Demokratisierung Hongkongs. Ein großer Teil der Bevölkerung der Stadt unterstützt die Bewegung und auch den „schwarzen Block“ der Jugendlichen, der sich mit Molotowcocktails gegen die Angriffe der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen zu Wehr setzt. Ralf Ruckus wird über den Aufstand, die Zusammensetzung, die Organisierungs- und Kampfformen sowie die Grenzen und Widersprüche der Bewegung berichten.

 

Freitag, 6.Dezember 20.00 Uhr

Schule für Erwachsenenbildung(SFE)

Gneisenaustr. 2a/Mehringhöfe

Metro-Station Mehringdamm

Eintritt: frei!

Kommt alle!

 

Buchvorstellung: „Das eigene Schicksal selbst bestimmen“ 10.12.2019

 

Lesung und Diskussion mit der Autorin Franziska Bruder:

„Das eigene Schicksal selbst bestimmen“

Fluchten aus Deportationszügen der „Aktion Reinhardt“ in Polen

Von März 1942 bis Herbst 1943 wurden 1,5 Millionen Juden und Jüdinnen, die meisten davon ehemalige polnische Staatsangehörige,

zumeist per Zug in die NS-Vernichtungslager Treblinka, Bełżec und Sobibór deportiert und dort ermordet.

Nachdem die Funktion der Lager bekannt geworden war,

bereiteten sich viele Jüdinnen und Juden auf die Flucht vor

und sprangen unter Lebensgefahr aus den schnell fahrenden und schwer bewachten Todeszügen.

Franziska Bruder zeichnet anhand der Biografien von jüdischen Springerinnen und Springern und ihrer Kameraden nach,

wie mutig und schmerzhaft die Entscheidung zu springen für Mütter und Väter, Kinder, Enkel, Geschwister, Geliebte, Freunde und Freundinnen, Genossinnen und Genossen war – denn fast immer bedeutete die Flucht, geliebte Menschen zurücklassen zu müssen.

Die Voraussetzungen der Flucht und ihre Realisierung, über die Situation in den Waggons werden

ebenso skizziert wie das Überleben in der langen Zeit bis zum Kriegsende – in Verstecken,

bei Partisanen oder getarnt als christliche Polen.

Dienstag ,10. Dezember 20.00Uhr

Buchladen Schwarze Risse

Gneisenaustr. 2a/Mehringhöfe

Metro-Station Mehringdamm

Agustín Comotto : Simón Radowitzky – Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer

 

Vorwort  der Mitherausgeberin Liliana Feierstein

Shimele – Die Zeit bewohnen
Tzedek, tzedek tirdof, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit wirst Du nachgehen (Deut. 16,18) – dies ist
einer der von jüdischen Aktivisten meistzitierten Sätze der Thora und eine der Maximen, welche
die Propheten inspiriert. Ebenso könnte er das Lebensmotto von Simón Radowitzky gewesen
sein.
Hätte Agustín Comotto sich diese Geschichte ausgedacht, wäre er sicherlich dafür kritisiert
worden, maßlos zu übertreiben. Es scheint unglaubwürdig, dass so Vieles in einem Leben zusam-
menkommt (so viel Ungerechtigkeit, so viel Gewalt, so viel Kampf, so viel Treue den eigenen Ide-
alen gegenüber – so viel Schmerz in einem einzigen Körper). Man würde den Autor fragen, ob es
sinnvoll ist, all das (das jüdische Leben im russischen Zarenreich, die Pogrome, die anarchistische
Bewegung, die Arbeiterstreiks in Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Repression, die
Ermordung Demonstrierender, die politischen Gefangenen, das Attentat auf den Polizeichef von
Buenos Aires, das Strafgefängnis von Ushuaia, der spanische Bürgerkrieg, die Gefangenenlager für
die Republikaner in Frankreich, das mexikanische Exil) in einer einzigen Figur zu (ver)dichten.
Die Kritik würde diese Dichte, diese Überfülle an einschneidenden und radikalen Erlebnissen,
diesen nicht zu brechenden Idealismus, der über Jahrzehnte hinausgeht, über Grenzen, Sprachen,
Meere und Kontinente, dieses niemals und gegenüber niemandem zu brechen – nie auf die Knie
zu gehen, wie ein Symbol deuten. Eine Legende.
Aber die Geschichte von Simón Radowitsky ist real. Und darum auch so schwierig zu erzählen.
Comotto ist es – durch seine extrem kraftvollen und gleichzeitig feinfühligen Illustrationen sowie
einer durchdachten Komposition der Erzählung – meisterhaft gelungen. Natürlich beinhaltet jede
biographische Erzählung einen gewissen Anteil Fiktion. Comotto hat aber nicht nur die Statio-
nen der transnationalen Biographie von Radowitzky grundlegend recherchiert: ihm gelingt mit
außergewöhnlicher Sensibilität auch die Vermittlung der Radikalität dieser Lebensgeschichte,
changierend zwischen Rot und Schwarz (den Farben des Anarchismus, aber auch des Blutes und
des Todes). Noch mehr: Er begleitet uns und passt in gewisser Weise auf uns auf – und auch auf
Simón selbst – in den Momenten, in denen er sich poetischer Allegorien bedient, die uns helfen,
dies alles auszuhalten. Denn die Lektüre bewegt, anders kann man dieses Buch nicht lesen.
Simón Radowitzky ist für diejenigen von uns, die auf dem weit entfernten Flecken unseres
Globus, der sich República Argentina nennt, aufgewachsen sind, ein bekannter Name, der wie
ein Raunen nach russischem Schnee klingt, nach Feuerland, nach Anarchosyndikalismus, nach
Schmerz und Würde. Simón hat zwischen den Deckeln dieses Buches endlich einen Platz zum
Leben gefunden. Der Name von Ramón Falcón, Polizeichef von Buenos Aires – ein Mörder von
Indigenen und Arbeitern – ist noch heute in vier Straßen im Stadtraum von Buenos Aires prä-
sent. Aber die (Stadt)geographie ist arm, sie kennt nur drei Dimensionen. Doch Simón lebt in der
Vierten. Simón lebt in der Zeit.Die Zeit war immer ein Verbündeter der Juden. Sie ist ein Fluchtort. Sie ist aber vor allem die
Verheißung von der Gerechtigkeit, und dies ist ein kulturelles Element, unabhängig davon ob
man gläubig ist oder nicht. Simón beschloss, nicht auf die Gerechtigkeit zu warten, sondern – wie
im biblischen Gebot – ihr entgegenzugehen. Tzedek, tzedek tirdof. Beim Erzählen der Lebensge-
schichte hat Agustín Comotto es verstanden, auf Simóns Herz zu hören: auf das Pochen der Zeit.
Die Zeit mehr im Sinne des jüdischen Verständnisses – oder der Psychoanalyse – als im Sinne
von Chronos gebrauchend, springt er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dabei verwebt er
Motive, verbunden von unsichtbaren Fäden: Die Kosaken mit dem Polizeichef von Buenos Aires,
die Zeloten mit dem Recht, den Tyrannen in Argentinien zu töten und mit dem eigenen Leben
dafür zu bezahlen, die Irrenanstalt mit dem Strafgefängnis.
Wie die Zeitformen einer Sprache ist die Erzählung in drei Kapitel unterteilt. Dreihundert
Lichtpunkte und Eine Menschlichkeit im Aufbruch rahmen den Kern des Buches ein, welcher uns in
der Mitte Radowitzkys wahre Zeitform enthüllt: Simón. In der Zukunft leben.
Zwischen den Dokumenten im Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte, einem
Exilort der internationalen Geschichte des Anarchismus, steckt eine kleine Serviette (siehe Seite
271) mit ein paar Worten von Augustin Souchy – ein deutsch-jüdischer Anarchosyndikalist
(Weggefährte von Rudolf Rocker und Erich Mühsam, Schüler von Gustav Landauer). Souchy
kämpfte Seite an Seite mit Simón im spanischen Bürgerkrieg und ging später so wie er und
unzählige Republikaner ins Exil nach Mexiko. Als er vom Tod seines Freundes erfuhr, schrieb
Souchy auf einen so vergänglichen Alltagsgegenstand wie einer Serviette die Inschrift seines Gra-
bes: Simón Radovitzky (Raúl Gómez). Un hombre que toda su vida luchaba por la libertad y la justicia
(Ein Mann, der sein ganzes Leben lang für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft/e). In Souchys
Formulierung des spanischen Satzes hat sich ein grammatikalischer Fehler eingeschmuggelt, der
auf dem Grabstein von den spanischen Muttersprachlern „korrigiert“ wurde. Denn die Zeitform
luchaba kann den Tod nicht aushalten. Spanisch braucht gegenüber dem Tod eine klare Grenze,
eine geschlossene Vergangenheit. Der Satz – und damit Simón – wurde also zu Un hombre que
toda su vida luchó por la libertad y la justicia – Einer, der gekämpft hat. Der Tod schließt das Kapitel
endgültig ab.
Die Inschrift auf dem Grabstein wurde dargestellt, wie in ein Buch geschrieben. Es ist offen –
wie die Zeit. Mit seinem sprachlichen Fehler hat es Souchy geschafft, das Unmögliche zu be-
nennen: das Herz der Zeit, Simóns Zuhause. Und gegen alle grammatikalischen und physischen
Regeln: Simón, Bewohner der Zukunft und der Verheißung, kämpft weiter. Tzedek, tzedek tirdof.

Liliana Ruth Feierstein, Buenos Aires, im Winter 2019

 

bahoe books                                                     280 Seiten                                    26,00 €

Adnan Keskin : Unbedingt blau

Blau ist für Sahin der Inbegriff von Freiheit. Von ihr träumt er im Gefängnis genauso intensiv wie von Gönül, die er liebt. Er nimmt alles in Kauf, um die Freiheit wiederzuerlangen, steckt Mitgefangene mit seiner Freiheitsliebe an und gräbt einen Tunnel, dem Licht entgegen, der Freiheit entgegen, dem Blau entgegen… Und beim nächsten Gefängnisaufenthalt gleich einen zweiten Tunnel… Unbedingt Blau ist nicht nur eine abenteuerliche Fluchtgeschichte, sondern auch ein Zeitdokument, das einen Einblick in die 1970er und 1980er Jahre der Türkei ermöglicht, für die, die sie nicht selbst erleben mussten. Es beschreibt, kritisch, aber auch selbstkritisch, die seelische Verfassung und die Beweggründe jener Jugend, die sich von den Ideen der Linken angezogen fühlte und die Welt retten wollte, oder zumindest das Land…

Aus dem Türkischen von Hülya Engin

 

 

bahoe books                                                          372 Seiten                                         18,00 €

Lesung :*Unbedingt blau // İlle de Mavi // Adnan Keskin* am 21.November im Familiengarten

Lesung in deutscher und türkischer Sprache mit Dogan Akhanli, Nese Keskin, Martin Rapp

  Adnan Keskins autobiografischer Roman ist ein beeindruckendes literarisches Werk über den Aufbruch der revolutionären Bewegung in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die Niederlage nach dem Putsch vom 12. September 1980 und den kollektiven Widerstand gegen das Gefängnissystem in der Türkei. Blau ist für Sahin der Inbegriff von Freiheit. Von ihr träumt er im Gefängnis genauso intensiv wie von Gönül, die er liebt.

Adnan Keskin’den, Köln’e miras bıraktığı “İnsan Hakları Festivali” ve anı-roman türünde yazdığı İLLE DE MAVİ kaldı. Yakın döneme tanıklık eden kitabıyla, geçmişimize ve hayallerimize renk veren Adnan Keskin’in karanlık dehlizlerdeki macerasına eşlik ederken bizler, renkten renge akan hikâyenin sonunda, hasretin, özgürlüğün ve aşkın renginin İLLE DE MAVİ olması gerektiğine hak verir, duran kalp atışlarının da aynı renkte olduğunu içimiz burkularak hatırlarız.

21. November, 19:00 Uhr
Familiengarten (Aile Bahçesi)
Oranienstraße 34, 10999 Berlin