Rezensionen

„Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts“

Gladys Ambort

Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts

Laika Verlag, 224 S.

 

 

Gladys Ambort biografische Erinnerungen gehören zur literarischen Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur. Die Militärdiktatur Argentiniens ist durch schwere Menschenrechtsverletzungen international bekannt geworden. Mittels massiven Staatsterrors wurde versucht, die linken sozialen Bewegungen und die Guerilla auszuschalten. Ca. 30000 Menschen verschwanden in den Jahren der Diktatur spurlos. Mord, Verhaftungen, Folter und Zwangsadoptionen gehörten zum Repertoire der Militärs.

Gladys Ambort schildert in ihrem Buch den Terror ihrer Haft mit zahlreichen Demütigungen, Gewalt, Isolation, Angst und dem Verschwinden und Folterungen ihrer Mitgefangener. Sie verschweigt auch nicht das politische Sektierertum und die Machtkämpfe zwischen den Gefangenen, die zu ihrem Gefühl der Verlassenheit beitrugen. „Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts“ ist keine heroische Knastliteratur, in der es um den Widerstand gegen ein menschenverachtendes Gefängnisregime geht. Amborts geht in erster Linie der Frage nach, wie sie das Gefühl für sich selbst und ihre Identität verlieren konnte. Ihr Bericht ist eine eindrucksvolle philosophische Reflexion über Macht, Identität und die Bedeutung der anderen Menschen für die eigene Identität.


 Lesung und Diskussion mit Gladys Ambort:
“Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts”
Donnerstag, 27. September, 20 Uhr
Buchladen »Schwarze Risse«, Gneisenaustr. 2a

Mehringhof
Eintritt frei
Zweisprachige Lesung

 

 

Memories of Rain – Szenen aus dem Untergrund

Der Film erzählt in Rückblenden die Geschichte von Jenny Cargill und Kevin Qhobosheane, die beide beim Nachrichtendienst des bewaffneten Flügels des African National Congress (ANC) in führender Position gegen den Apartheidstaat gekämpft haben. Sie stammt aus der weißen, begüterten Schicht Südafrikas, Kevin aus dem schwarzen Township Soweto. Der Weg der beiden wird gezeichnet von der Kindheit bis zum politischen Erwachen, das sie in den Untergrund und ins Exil führt. Wenn Jenny und Kevin von ihren Jahren im Untergrund erzählen, so entsteht eine Geschichte von Angst und Isolation, von Mut und Hingabe, von Erfolgen und Rückschlägen. Es ist die Geschichte eines getarnten Lebens, hinter dem die eigene Person verloren zu gehen droht. Aber sie stellen rückblickend auch Fragen an die Methoden des Widerstandskampfes. Sie berichten von Zweifeln und Schuld, denen sie sich ausgesetzt sahen, und von der Gefahr, im bewaffneten Kampf das Gefühl für Menschlichkeit einzubüßen.
Die Filmarbeiten für Memories of Rain begannen 1994 und endeten im Jahr 2004.

 

(„Memories of Rain – Views from the Underground“)
Dokumentarfilm,142 min.

OmU, englisch und deutsch

Südafrika, Deutschland, 2004,

19,90 €

Im Schatten des Tafelberges

In kaum einer anderen Stadt der Welt liegen Armut und Reichtum so dicht beieinander wie am Kap der guten Hoffnung. Der Dokumentarfilm Im Schatten des Tafelberges erzählt die Geschichten von Ashraf, Mne, Zoliswa und Arnold, die in den Armenvierteln rund um Kapstadt auf unterschiedliche Art und Weise ums Überleben kämpfen. Ashraf und Mne von der Anti Eviction Campaign setzten sich täglich in den Townships gegen Zwangsräumungen und Wassersperrungen ein. Zoliswa, eine alleinerziehende Mutter, sucht eine neue Stelle als Hausangestellte und Arnold macht eine Ausbildung zum bewaffneten Wachmann in der boomenden Sicherheitsindustrie. Als die Stadtverwaltung eine komplette Armensiedlung räumen lassen will, werden Ashraf und sein Freund Mne mit ihren eigenen unverarbeiteten Erlebnissen aus der Zeit der Apartheid konfrontiert …

 

(„When the mountain meets its shadow“)

Alexander Kleider, Daniela Michel

.Dokumentarfilm, 52 min.,

Deutschland, Südafrika, 2010

OmU(Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch)

24,00 €

The Black Power Mixtape 1967-1975

Von 1967 bis 1975 filmte ein schwedisches Fernsehteam in den USA die Führer der Black Power-Bewegung und deren Umfeld. Erst jetzt wurde dieses Material zufällig entdeckt und hier zu einer beeindruckenden Dokumentation über die Radikalisierung einer Bewegung und die Repression durch den Staat verdichtet – vom gewaltfreien Widerstand eines Martin Luther King bis zur Militarisierung der Black Panther.
Der Blick von Außen zeigt viel Gespür für Momente, Details und Stimmungen in wunderbaren Bildern und mit interessanten Einblicken, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Besonders das Interview mit der damaligen Aktivistin und heutigen Professorin Angela Davis im Gefängnis wirkt lange nach. Über die eindrucksvollen Bilder hat Regisseur Olsson zudem kluge Kommentare von Musikern wie Erykah Badu, Talib Kweli oder auch  Questlove von The Roots gelegt.

 

Dokumentarfilm 92 min.

Sprache engl.

Schweden 2011

19,90 €

Elsa Osorio: Die Capitana

Der Roman beginnt 1992 mit Mika Echebéhères Tod in Frankreich. Hellwach bis zum Ende. Sie hütet eine Liebe. Pflegt die Freundschaften, die in den 1930er Jahren geschlossen wurden. Macht kaum Aufhebens von der Zeit im Schützengraben, von Gewalt und Tod, von Intrige, Verrat und Gefängnis. Sie ist 74 Jahre alt, als 1975 in Paris ihre Erinnerungen an den Bürgerkrieg veröffentlicht werden (1).
Mika Etchebehere alias Micaela Feldman ist die Tochter jüdischer Emigranten aus Litauen.
Als Studentin schließt sie  sich in Buenos Aires (libertären) Kommunisten an, wird aus der KP geworfen, weil sie vor Stalin warnt und sich der Politik der Internationale nicht unterordnen will.
Mit ihrer großen Liebe Hipolito Etchebehere geht sie 1931  als Revolutionärin nach Europa – ins Pariser Quartier Latin, in den roten Wedding von Berlin. weiterlesen »

Anonym: Die rote Köchin

Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar

Nicht nur der Titel, auch Autorschaft und Entstehungsgeschichte dieses Buchs sind kurios. Der anomyme Verfasser gibt an, den tagebuchartigen Bericht der Hannah R. nach mündlichen Informationen und Dokumenten, die er von deren Enkelin erhielt, verfasst zu haben. Hannah R. war in den frühen 1920er Jahren Köchin in einem Restaurant, Studentin am neugegründeten Bauhaus und Mitglied einer sehr aktiven revolutionären Zelle in Weimar. Sagenhaft bleibt Hannah R. für die LeserInnen, weil wir weder ihren vollen Namen, noch irgendwelche sonstigen näheren Daten zu ihrem Leben erfahren. Sagenhaft beeindruckend ist allerdings was der Autor Hannah R. aus ihrem täglichen Leben, von den politischen Aktionen ihrer Zelle, den theoretischen Debatten und ästhetischen Experimenten am Bauhaus erzählen lässt. Alles hat für sie unmittelbar geschichtliche Relevanz und die Lektüre des Buchs vermittelt sehr gut, wie viel in dieser Zeit, der Krise der Weimarer Republik, politisch und kulturell tatsächlich auf dem Spiel stand. weiterlesen »