Rezensionen

SCHWARZE RISSE EMPFIELT 2019 :

Unsere Empfehlungen 2019!

Wie jedes Jahr wirds auch 1e Printausgabe geben!

Kommt vorbei, schaut rein und nehmt sie mit!

Hier der link :  risse_2019_web

Agustín Comotto : Simón Radowitzky – Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer

 

Vorwort  der Mitherausgeberin Liliana Feierstein

Shimele – Die Zeit bewohnen
Tzedek, tzedek tirdof, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit wirst Du nachgehen (Deut. 16,18) – dies ist
einer der von jüdischen Aktivisten meistzitierten Sätze der Thora und eine der Maximen, welche
die Propheten inspiriert. Ebenso könnte er das Lebensmotto von Simón Radowitzky gewesen
sein.
Hätte Agustín Comotto sich diese Geschichte ausgedacht, wäre er sicherlich dafür kritisiert
worden, maßlos zu übertreiben. Es scheint unglaubwürdig, dass so Vieles in einem Leben zusam-
menkommt (so viel Ungerechtigkeit, so viel Gewalt, so viel Kampf, so viel Treue den eigenen Ide-
alen gegenüber – so viel Schmerz in einem einzigen Körper). Man würde den Autor fragen, ob es
sinnvoll ist, all das (das jüdische Leben im russischen Zarenreich, die Pogrome, die anarchistische
Bewegung, die Arbeiterstreiks in Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Repression, die
Ermordung Demonstrierender, die politischen Gefangenen, das Attentat auf den Polizeichef von
Buenos Aires, das Strafgefängnis von Ushuaia, der spanische Bürgerkrieg, die Gefangenenlager für
die Republikaner in Frankreich, das mexikanische Exil) in einer einzigen Figur zu (ver)dichten.
Die Kritik würde diese Dichte, diese Überfülle an einschneidenden und radikalen Erlebnissen,
diesen nicht zu brechenden Idealismus, der über Jahrzehnte hinausgeht, über Grenzen, Sprachen,
Meere und Kontinente, dieses niemals und gegenüber niemandem zu brechen – nie auf die Knie
zu gehen, wie ein Symbol deuten. Eine Legende.
Aber die Geschichte von Simón Radowitsky ist real. Und darum auch so schwierig zu erzählen.
Comotto ist es – durch seine extrem kraftvollen und gleichzeitig feinfühligen Illustrationen sowie
einer durchdachten Komposition der Erzählung – meisterhaft gelungen. Natürlich beinhaltet jede
biographische Erzählung einen gewissen Anteil Fiktion. Comotto hat aber nicht nur die Statio-
nen der transnationalen Biographie von Radowitzky grundlegend recherchiert: ihm gelingt mit
außergewöhnlicher Sensibilität auch die Vermittlung der Radikalität dieser Lebensgeschichte,
changierend zwischen Rot und Schwarz (den Farben des Anarchismus, aber auch des Blutes und
des Todes). Noch mehr: Er begleitet uns und passt in gewisser Weise auf uns auf – und auch auf
Simón selbst – in den Momenten, in denen er sich poetischer Allegorien bedient, die uns helfen,
dies alles auszuhalten. Denn die Lektüre bewegt, anders kann man dieses Buch nicht lesen.
Simón Radowitzky ist für diejenigen von uns, die auf dem weit entfernten Flecken unseres
Globus, der sich República Argentina nennt, aufgewachsen sind, ein bekannter Name, der wie
ein Raunen nach russischem Schnee klingt, nach Feuerland, nach Anarchosyndikalismus, nach
Schmerz und Würde. Simón hat zwischen den Deckeln dieses Buches endlich einen Platz zum
Leben gefunden. Der Name von Ramón Falcón, Polizeichef von Buenos Aires – ein Mörder von
Indigenen und Arbeitern – ist noch heute in vier Straßen im Stadtraum von Buenos Aires prä-
sent. Aber die (Stadt)geographie ist arm, sie kennt nur drei Dimensionen. Doch Simón lebt in der
Vierten. Simón lebt in der Zeit.Die Zeit war immer ein Verbündeter der Juden. Sie ist ein Fluchtort. Sie ist aber vor allem die
Verheißung von der Gerechtigkeit, und dies ist ein kulturelles Element, unabhängig davon ob
man gläubig ist oder nicht. Simón beschloss, nicht auf die Gerechtigkeit zu warten, sondern – wie
im biblischen Gebot – ihr entgegenzugehen. Tzedek, tzedek tirdof. Beim Erzählen der Lebensge-
schichte hat Agustín Comotto es verstanden, auf Simóns Herz zu hören: auf das Pochen der Zeit.
Die Zeit mehr im Sinne des jüdischen Verständnisses – oder der Psychoanalyse – als im Sinne
von Chronos gebrauchend, springt er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, dabei verwebt er
Motive, verbunden von unsichtbaren Fäden: Die Kosaken mit dem Polizeichef von Buenos Aires,
die Zeloten mit dem Recht, den Tyrannen in Argentinien zu töten und mit dem eigenen Leben
dafür zu bezahlen, die Irrenanstalt mit dem Strafgefängnis.
Wie die Zeitformen einer Sprache ist die Erzählung in drei Kapitel unterteilt. Dreihundert
Lichtpunkte und Eine Menschlichkeit im Aufbruch rahmen den Kern des Buches ein, welcher uns in
der Mitte Radowitzkys wahre Zeitform enthüllt: Simón. In der Zukunft leben.
Zwischen den Dokumenten im Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte, einem
Exilort der internationalen Geschichte des Anarchismus, steckt eine kleine Serviette (siehe Seite
271) mit ein paar Worten von Augustin Souchy – ein deutsch-jüdischer Anarchosyndikalist
(Weggefährte von Rudolf Rocker und Erich Mühsam, Schüler von Gustav Landauer). Souchy
kämpfte Seite an Seite mit Simón im spanischen Bürgerkrieg und ging später so wie er und
unzählige Republikaner ins Exil nach Mexiko. Als er vom Tod seines Freundes erfuhr, schrieb
Souchy auf einen so vergänglichen Alltagsgegenstand wie einer Serviette die Inschrift seines Gra-
bes: Simón Radovitzky (Raúl Gómez). Un hombre que toda su vida luchaba por la libertad y la justicia
(Ein Mann, der sein ganzes Leben lang für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft/e). In Souchys
Formulierung des spanischen Satzes hat sich ein grammatikalischer Fehler eingeschmuggelt, der
auf dem Grabstein von den spanischen Muttersprachlern „korrigiert“ wurde. Denn die Zeitform
luchaba kann den Tod nicht aushalten. Spanisch braucht gegenüber dem Tod eine klare Grenze,
eine geschlossene Vergangenheit. Der Satz – und damit Simón – wurde also zu Un hombre que
toda su vida luchó por la libertad y la justicia – Einer, der gekämpft hat. Der Tod schließt das Kapitel
endgültig ab.
Die Inschrift auf dem Grabstein wurde dargestellt, wie in ein Buch geschrieben. Es ist offen –
wie die Zeit. Mit seinem sprachlichen Fehler hat es Souchy geschafft, das Unmögliche zu be-
nennen: das Herz der Zeit, Simóns Zuhause. Und gegen alle grammatikalischen und physischen
Regeln: Simón, Bewohner der Zukunft und der Verheißung, kämpft weiter. Tzedek, tzedek tirdof.

Liliana Ruth Feierstein, Buenos Aires, im Winter 2019

 

bahoe books                                                     280 Seiten                                    26,00 €

Adnan Keskin : Unbedingt blau

Blau ist für Sahin der Inbegriff von Freiheit. Von ihr träumt er im Gefängnis genauso intensiv wie von Gönül, die er liebt. Er nimmt alles in Kauf, um die Freiheit wiederzuerlangen, steckt Mitgefangene mit seiner Freiheitsliebe an und gräbt einen Tunnel, dem Licht entgegen, der Freiheit entgegen, dem Blau entgegen… Und beim nächsten Gefängnisaufenthalt gleich einen zweiten Tunnel… Unbedingt Blau ist nicht nur eine abenteuerliche Fluchtgeschichte, sondern auch ein Zeitdokument, das einen Einblick in die 1970er und 1980er Jahre der Türkei ermöglicht, für die, die sie nicht selbst erleben mussten. Es beschreibt, kritisch, aber auch selbstkritisch, die seelische Verfassung und die Beweggründe jener Jugend, die sich von den Ideen der Linken angezogen fühlte und die Welt retten wollte, oder zumindest das Land…

Aus dem Türkischen von Hülya Engin

 

 

bahoe books                                                          372 Seiten                                         18,00 €

„Ich würde es wieder tun“ Texte aus dem kolumbianischen Knast

Die Autor*innen des Buches sind politische Gefangene in kolumbianischen Knästen. Sie sind Frauen und Männer die aus politischen Gründen und Motiven im Kontext eines über 50-jährigen sozialen und bewaffneten Konflikts in Kolumbien ihrer Freiheit beraubt sind. Die Texte, die sie während ihres Knastaufenthaltes verfasst haben, erzählen von den harten Tagen im Freiheitsentzug, von Gründen und Träumen, die sie überzeugt und geleitet haben sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen, um dem Terror des Staates mit Widerstand zu begegnen.

Die Gefangenen sind politische und widerständige Subjekte. Das Gefängnis wird nicht als Ort der Niederlage, sondern von den politischen Gefangenen als ein weiterer Ort des Kampfes verstanden. Die Texte liefern keine historischen und politischen Erklärungen oder Analysen, es sind Texte die Geschichte von unten erzählen. Sie erzählen über die entwürdigenden Bedingungen, die Trauer und die Mutlosigkeit, den Schmerz. Sie sprechen aber auch von Hoffnung.

Mal mehr, mal weniger verraten die Autor*innen über sich und ihr Leben. Alle waren und sind in sozialen Bewegungen aktiv, oder in bewaffneten Organisationen, wie den Bewaffneten Revolutionären Streikkräften Kolumbiens (FARC) und der Nationale Befreiungsarmee (ELN). Es sind Gedichte, Geschichten und Zeugnisse des Lebens in Gefangenschaft, mit denen sie sich der Entpolitisierung ihrer Lebenswirklichkeiten widersetzen.

Das Buch , bereits 2015 erschienen und schnell vergriffen, ist ein Produkt der Arbeit von REDHER (Red de Hermandad y Solidaridad de Colombia) sowie des Solidaritätskomitees CSPP (Comité de Solidaridad con Presos Políticos) und besteht aus 18 Texten von Frauen und Männern, die aus politischen Gründen inhaftiert worden sind. Durch diese Publikation, die auf Deutsch übersetzt wurde und in verschiedenen deutschen Städten vorgestellt wurde, gewähren die Herausgeber*innen einen Einblick in die Gefängnisse Kolumbiens. Sie dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und versuchen, sie sichtbar zu machen. Beide Organisationen wollen mit diesem Buch dazu beitragen, die Geschichte von unten zu erzählen – was auch bedeutet, politische Gefangene zu Wort kommen zu lassen.

Wir vom Kollektiv Schwarze Risse sind froh, noch einen Restbestand dieses zeitlosen Dokuments

bekommen zu haben!
Redher / CSPP (Hg.).                                            Paperback. 117 S.                                          5,00 €

Buchvorstellung: „Krisen • Kämpfe • Kriege Bd. 2“ mit Detlef Hartmann am 30. Oktober

Buchvorstellung & Diskussion :Krisen • Kämpfe • Kriege Bd. 2

Innovative Barbarei gegen soziale Revolution

mit Detlef Hartmann

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»Wüten im Fortschritt« ist eine treffende Formel für den Weg der barbarischen Gewalt des 20. Jahrhunderts mit seinen Weltkriegen, Genoziden und Massakern.
Gegen alle Legenden waren es nicht die rückwärtsgewandten Kräfte, die diesen Weg bestimmten. Es waren die Avantgarden der epochal angelegten Innovationsoffensive des Fordismus und seiner Schlüsselindustrien. Sie zielten auf die »schöpferische Zerstörung« der Gesellschaften, orientiert an den Vorstellungen der umfassenden Rationalisierung zu einer »sozialen Maschine« von Massenproduktion, Massenkonsum und Massenkultur.

Unbestritten war es Deutschland, das den Weg der Gewalt in singulär grausamen Formen mit allen bekannten Ungeheuerlichkeiten bahnte. Allerdings begaben sich auch konkurrierende Länder von den USA über Japan bis hin zur Sowjetunion auf diesen Weg. Was sich entgegenstellte, sollte herausgesäubert und beseitigt werden.

Detlef Hartmann zeichnet den Weg minutiös nach. Er legt die Strategien offen, die Widerstände Hunderter Millionen Menschen blutig aufzureiben, die die sozialrevolutionären Vorstellungen ihrer »moralischen Ökonomie« aus den Dörfern bis in die Metropolen trugen.
Der Weg führte durch zwei schwere Krisen (1913/14 und 1929) hindurch zu ihrer jeweiligen Lösung in zwei mörderischen Kriegen, in denen das »Wüten im Fortschritt« seinen Durchbruch suchte.

Ein radikales, aufrüttelndes Buch, das einen großen Teil nicht nur linker Geschichtsschreibung und Mythenproduktion auf den Prüfstand stellt – mit besorgniserregenden Perspektiven für die Zukunft –, und eines der wichtigsten Werke linker Selbstvergewisserung im noch kurzen 21. Jahrhundert.

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Mittwoch, den 30.10.2019 | 20:00 Uhr

Buchladen Schwarze Risse

Gneisenaustr. 2a

U-Bahn Mehringdamm

Eintritt frei

Buchempfehlungen

A.G. Lombardo
Graffiti Palast
Roman
Kunstmann Verlag
22 Euro
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Los Angeles, 1965. Die Stadt brennt. Die Wut der Unterdrückten bricht sich ungezügelt Bahn. Auf seiner gefährlichen und rauschhaft-jazzigen Odyssee durch die Stadt liest Americo Monk im Aufstand der Zeichen die Zeichen der Revolte.

Heruntergekommene Wohnblocks, verwitterte Werbetafeln, Hoodoo-Altäre an Häuserecken, Schnapsläden und Barbershops. Americo Monk, Semiotiker und Stadtforscher, ist in den Ghettos von Los Angeles unterwegs. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs und erzählt die Geschichten der Bevölkerung. Sein prall gefülltes Notizbuch enthält wertvolles Wissen, eine geheime Kartografie der Macht, und alle haben es darauf abgesehen: die strammen Soldaten der Nation of Islam, die chinesischen Gangster in den schummrigen Opiumhöhlen, die bis an die Zähne bewaffneten Mexikaner mit dem leuchtend weißen Marihuana und die Cops vom LAPD. Als die Polizei wieder einmal willkürlich und mit brutaler Gewalt zwei Schwarze festnimmt, brechen die Aufstände von Watts aus. Monk irrt von einer surreal-albtraumhaften Begegnung zur nächsten, doch zu Hause am anderen Ende der Stadt wartet seine schwangere Freundin Karmann Ghia auf ihn und macht sich größte Sorgen. Wird es ihm gelingen, sie wiederzusehen? A.G. Lombardo zeichnet das vielschichtige Porträt einer Stadt in Revolte, in dem Mythologie, Popkultur und urbane Legenden verschmelzen. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der Schwarzen in den USA, die sich in den Ghettos verdichtet. Ein sprachlich und rhythmisch umwerfendes Debüt.

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Tommy Orange

Dort Dort

Hanser Verlag

22 Euro

Tommy Orange gibt mit seinem vielbesprochenen Bestseller „Dort dort“ Native Americans eine Stimme. „Eine neue Art amerikanisches Epos.“ (New York Times)

Jacquie ist endlich nüchtern und will zu der Familie zurückkehren, die sie vor vielen Jahren verlassen hat. Dene sammelt mit einer alten Kamera Geschichten indianischen Lebens. Und Orvil will zum ersten Mal den Tanz der Vorfahren tanzen. Ihre Leben sind miteinander verwoben, und sie sind zum großen Powwow in Oakland gekommen, um ihre Traditionen zu feiern. Doch auch Tony ist dort, und Tony ist mit dunklen Absichten gekommen. „Dort dort“ ist ein bahnbrechender Roman, der die Geschichte der Native Americans neu erzählt und ein Netz aufwühlend realer Figuren aufspannt, die alle an einem schicksalhaften Tag aufeinandertreffen. Man liest ihn gebannt von seiner Wucht und seiner Schönheit, bis hin zum unerbittlichen Finale.